Gästebuch

Das Testament des Dr. Cordelier

Renoirs Version von Jekyll und Hyde, eine Tragödie der Heuchelei. Der Psychiater Dr. Cordelier, an den bürgerlichen Moralvorstellungen leidend, experimentiert in einem stillen Pariser Vorort mit Drogen. Dabei treibt er die bourgeoise Doppelmoral in subversiver Weise auf die Spitze. Nach Einnahme einer Droge verwandelt sich der distinguierte Arzt in den Rowdy Opale, der durch die Straßen zieht, strotzend vor Lust an Gemeinheiten. Höhepunkt seiner Grausamkeiten ist ein Mord, verübt mit einem Spazierstock. Opale ist zu gefährlich geworden, und die Verwandlung unkontrollierbar. Cordelier offenbart sich dem Notar Joly, einem alten Freund, um sich dann die letzte Freiheit zu nehmen und in den Tod zu gehen.

Der späte Renoir ist von unglaublicher Modernität. Dr. Cordelier (tragisch) und das Frühstück im Grünen (komödiantisch) sind Versuche in Befreiung, was den filmischen Stil betrifft und die Attacken auf Bürgertum und Wissenschaft. Bisweilen ist der alte Renoir ganz nah an der Nouvelle Vague. Bei Dr. Cordelier hat er mit den Möglichkeiten des Fernsehens experimentiert. Der Film wurde, inspiriert vom Live-Fernsehen, teilweise geschlossen mit bis zu 8 Kameras in einem TV-Studio gedreht. Renoir tritt zudem als Erzähler in einem Fernsehstudio auf, ähnlich wie Hitchcock in seiner TV-Serie. Der Realismus der Kontinuität, den diese Technik fördert, kam Barraults Bravura-Performance zu Gute. Sein lüstern-perverses Flanieren als Opale, sein Hantieren mit dem Stöckchen, das er als Degen einsetzt und als Kasperlpatsche, erinnert an Chaplin, den Tramp. Seine Haare, seine Stummheit über weite Strecken, seine Anarchie lassen an Harpo Marx denken. In der tollsten Szene des Films tänzelt Opale des Nachts an einem Liebespaar vorbei. Er schaut zu, wie sich das Paar küßt, überlegt eine Gemeinheit, zuckt aber dann nur mit den Schultern, wie ein Clown, der die Liebe verachtet. Kurz darauf überfällt er aber einen Man, der ein wichtiger Bürger der Stadt ist. Als er auf ihn einschlägt, prügelt er auf die Bourgeoisie ein, die einst eine unschuldige Liebe zerstört hat, als er noch Cordelier war.

Frankreich 1959

Originaltitel: Le Testament du Dr. Cordelier

Regie: Jean Renoir

Darst: Jean-Louis Barrault, Michel Vitold, Teddy Bilis

Laufzeit: 95 Min.

Schwarzweiß

Alternativtitel:
Experiment in Evil
The Doctor's Horrible Experiment
The Testament of Doctor Cordelier